Die Geschichte des Hauses

Dieses Haus wurde 1889 für eine junge Witwe mit Spendengeldern erbaut. Ihr Mann, ein armer Schneider aus Bettenfeld, hatte sich in kalter Winternacht auf beschwerlichem Wege von der Kreisstadt Wittlich zu seinem Heimatdorf Bettenfeld im tiefen Schnee verirrt. Nur wenige Schritte von seiner heimatlichen Hütte entfernt, verlor der Erschöpfte die Kräfte. Er wurde am Tage später erforen aufgefunden.

Diese Geschichte wurde in den damaligen Zeitungen in ganz Deutschland veröffentlicht, weshalb viele Mensche für die Hinterbliebenen fast 20.000 Taler spendeten und damit den Bau des Hauses ermöglichten.

Das Grab im Schnee

Von J- H. T h i e 1 e n, Manderscheid.

Am 8. Februar 1889 gegen Abend in der Dämmerung! Bleifarbig, dunkelgrau ist die Luft. Kein letzter Sonnenstrahl, kein erster Stern über der zerrissenen Berglandschaft zwischen den Trümmern der beiden Ritterburgen Manderscheid und den Ruinen der alten Abtei Himmerod im großen Kunowald. Der Scheitel des gewaltigen, toten Vulkans des Mosenbergs birgt sich in dunklen Wolken, die pfeilschnell dahinjagen und fort und fort aus Norden sich erneuern, Es dröhnt und brüllt mächtig in dem Walde in den Kronen der alten Buchen, in den engen tiefen Talschluchten, in den Felsenzacken des Gebirges. Ein toller Schneesturm braust über das stille, einsame Eifelland, Vom See her, der im tiefen Kraterkessel versteckt liegt, meint man die vom Sturm gepeitschten Wogen zischen zu hören.

Seit Mittag fallen Schneeflockern hernieder, immer dichter und dichter auf Feld und Wald. Verschneit ist das Dorf droben am Berge, nicht weit vom Walde. Eng zusammengekauert, in Schnee gebettet, liegen die Häuser und Häuschen, als fürchten auch sie die Gewalt des entfesstelten Schneesturmes. Nur schwarz ragt der schlanke Kirchtum aus der Mitte empor, weil der Sturm von dem steilen Dache den Schnee fortfegt, so schnell er niederfällt. Die Straßen sind öde, hoch mit frischem Schnee bedeckt. Matte Blicke werfen die schwach erleuchteten Fenster in die Sturmnacht hinaus. Ein Licht nach dem anderen erlischt im Dorfe, allein noch scheint die ewige Lampe aus dem Bogenfenster der Dorfkirche hervor. Immer rasender tobt der Schneesturm über das verschneite schlafende Dorf.

Draußen am äußersten Ende der Straße, nach dem Walde hin, steht ein kleines Häuschen, fast ganz vom Schnee verweht. Von der Feldseite ist ein hoher Schneewall aufgetürmt, welcher bis an das vom Sturm zerrissene Strohdach hinanreicht. Das Fensterchen zur Straße ist so dicht mit Schnee beworfen, daß nur ein ganz matter Schein des Lichtes durch den Schneevorhang dringt. Es schlägt 12 Uhr auf dem Dorfkirchturm, die Töne irren zerrissen in die Sturmnacht hinaus. Im reinlich weiß getünchten mit gesammeltem Holze mäßig erwärmten Stübchen hängen an der Wand ein Bild des Gekreuzigten und der heiligen Jungfrau. Ein Kindchen liegt in der sauberen Wiege. Es schläft so süß - es träumt so schön, denn ein sanftes Lächeln gleitet über das rosige Gesichtchen. Es weiß nichts von dem Sturme draußen und den Schrecknissen der Schneenacht in der Eifel. Vor dem Bilde des Gekreuzigten vor dem Bilde der heil. Jungfrau knien zwei Frauen, die eine alt und schwach, die andere jung und schön. Sie beten, den Rosenkranz in den Händen.

Wie ungebrochen draußen der Schneesturm fort und fort seine grausigen Weisen weiter spielt, so rinnt unaufhaltsam Träne um Träne über die Wangen der Frauen herab.. Mutter und Tochter, Sie weinen und beten um Heinrich, den Gatten, den Sohn, des Kindchens Vater. Er ist draußen im Schneesturm. Wo, wer weiß es! Heilige Jungfrau! Jesus, mein Heiland, erbarmet euch unser! So beten, so klagen die angsterfüllten Frauen in dem kleinen Häuschen, im verschneiten Eifeldorfe. Oh Heinrich, wo bleibst Du? Gott beschütze Dich!

Am frühen Morgen war Heinrich, ein kräftiger junger Mann, über das Gebirge nach der 24 Kilometer entfernt liegenden Stadt gegangen, um dort ein kleines Geschäft zu erledigen, Es handelte sich um die Abwehr eines Verlustes von vielleicht 1 Mark 50 Pfg. Dieser Geldbetrag ist viel für kleine Leute in der Eifel. Heinrich kehrt nicht zurück. Die Frauen trösten sich endlich, er sei wegen des Schneesturmes drüben in einem Dorfe bei Verwandten geblieben, um dort das Nachlassen des Sturmes und den Anbruch des Tages abzuwarten.

Aber auch am Morgen kommt Heinrich nicht, Weiter tobt der Schneesturm, ungeheure Schneemassen über das Gebirge ablagernd. Das Weh, den Schmerz der Frauen über den Vermißten ahnt niemand, keine Feder beschreibt die schreckliche Lage. Alles Weinen und Klagen hilft nichts. Von Heinrich keine Spur, Die kräftigen Männer des Dorfes ziehen in Gruppen aus, den Verlorenen in den Schneegefilden, im Walde, am See und an den Bächen zu suchen.

Endlich legt sich der Sturm. Die Sonne blickt freundlich vom blauen Himmel in das Schneeland hernieder. Zehn Tage sind vorüber. Da gewahrt man etwa achtzig Schritte vom Häuschen der verlassenen Frauen einen dunklen Gegenstand in einem Schneehügel. Es ist die Leiche des Armen. Voller Mut, voller Liebe und Treue zu den Seinen ausgezogen, mußte er, so nahe am Ziele, im Schnee sterben. Als er ermüdet zusammensank, als seine Sinne zu schwinden begannen, da hat er gewiß noch einmal der Mutter, der Gattin, des kleinen Engels daheim in der Wiege gedacht. Freundliche, liebliche Bilder haben gewiß seinen scheidenden Geist umspielt, wohl zu derselben Minute in der Mitternachtsstunde, als sein Kindchen daheim in der Wiege gelächelt. Der geängstigten Mutter war wohl das Lächeln des Kindes eine gute Vorbedeutung, ein Hoffnungsstrahl, daß der Gatte, der Vater glücklich heimkehren werde.

Ja, er ist heimgekehrt, aber dahin, wo es keinen Schmerz, kein Leid mehr gibt. Geduld - Gattin, Mutter, Kind, ihr gehet ihm einst nach zur glücklichen, ewigen Wiedervereinigung in seiner besseren Welt! Aber wie lang und schmerzlich noch die Zeit, welche dazwischen liegt, zumal die einzige Stütze der armen Frauen und des Kindes fort ist, Zu dem unbeschreiblichen Leide tritt nun auch der Kummer, die Not der Armen, Sie besitzen nichts als das kleine Häuschen, ein kleines Gärtchen und ein kleines Feld. Der Dorfkirchhof ist mit hohem Schnee bedeckt, die schlichten Grabkreuze schauen nur mit den Spitzen hervor. Der Weg auf dem Friedhof wird von der Gemeinde von Schnee frei gemacht, ein Grab gegraben. Die Glocken rufen dumpf zum letzten Geleite des Verunglückten. Die ganze Gemeinde steht um die armen Frauen auf dem schneeigen Dorfkirchhof. Alle weinen, Das Grab deckt sich, der Schneesturm beginnt wieder und hüllt alle Gräber in das weiße Leichentuch des Winters. Die armen Frauen sitzen daheim mit dem Kinde. Schmerz und Not drücken sie darnieder, Das Leid hat die stumpf gemacht.

Ihr Alles ruht im Grabe, im Schnee.

 

 

 

 
   
 
 

 

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